Abgeltungssteuer und das Sparbuch

Seit Anfang 2009 gehört die Zinsabschlagsteuer der Vergangenheit an. Viele Menschen bangen um ihr Erspartes und fürchten, dass mit Einführung des Abgeltungsprinzips höhere Steuern auf sie zukommen. Aber was bedeutet die Neuregelung tatsächlich für das traditionelle Sparbuch?

Die Abgeltungssteuer kommt! Handeln Sie rechtzeitig! Retten Sie ihr Geld! – So oder ähnlich warnten Banken 2008 vor einer Neuregelung, die zum 1. Januar 2009 in Kraft getreten ist: Die so genannte Abgeltungssteuer (AGS) sieht für private Kapitaleinkünfte – das sind Kursgewinne, Zinsen, Dividenden und auch Gewinnausschüttungen von Investmentfonds – eine einheitliche Versteuerung von 25 Prozent plus Solidaritätsbeitrag und gegebenenfalls Kirchensteuer vor. Doch welche Konsequenzen hat diese Neuregelung für das Sparbuch?

Ralf Selic, Steuerberater und Partner bei der Dinslakener Sozietät van de Loo & Selic, kritisiert die „übertriebene Panikmache“ der Kreditinstitute. „Weil die Banken nur aus ihrer Sicht beraten, haben die Leute Angst, dass mit dem Abgeltungsprinzip auch mehr Steuern auf sie zukommen!“

So reagieren Banken und Vermögensprofis auf die Neuregelung schon jetzt mit zahlreichen Anlege- und Umschichtungstipps für die Sparer. Dabei habe der neue Steuertarif laut Selic für das „einfache“ Sparbuch im Regelfall weder Vor- noch Nachteile.

Zinseinkünfte müssen bis zu einer Höhe von 750 Euro bei Einzelpersonen, bei zusammen veranlagten Paaren bis 1500 Euro, unter dem sogenannten Sparerfreibetrag gar nicht versteuert werden. Zudem kann die Werbungskostenpauschale in Höhe von 51 Euro, bei Ehepartnern 102 Euro, geltend gemacht werden. Diese Regelung galt bis zum 31. Dezember 2008 und wurde am 1. Januar 2009  – unter Streichung der Werbungskostenpauschale – von der Abgeltungssteuer abgelöst.

Die Abgeltungssteuer wird auf private Kapitalerträge – im Fall des Sparbuchs sind das die erhaltenen Zinsen – erhoben. Daran ist im Prinzip nichts Neues, denn auch nach der Zinsabschlagsteuer wurden bei einer Überschreitung des Sparerfreibetrags Steuern eingefordert. Anders ist nur, dass der nach früherem Recht gültige, persönliche Steuersatz ab Januar 2009 durch einen festen Steuersatz von 25 Prozent ersetzt wird. Diese werden vom Bankguthaben allerdings nur dann abgezogen, wenn das Zinsvolumen des sogenannten Sparerpauschbetrags überschritten wird. 801 Euro sind das bei Einzelpersonen, mit 1.602 Euro das Doppelte bei Ehepartnern. Versteuert werden muss also alles, was über diesem Betrag liegt. „Gerade für Leute mit grundsätzlich geringeren Einkünften ergibt sich durch die Abgeltungssteuer also keine Gefahr“, versichert Steuerberater Ralf Selic.

So warnt er vielmehr vor panischen Kurzschlussreaktionen: „Die Leute sollten auf keinen Fall aus Angst vor der Abgeltungssteuer blindlings in irgendwelche Fonds investieren oder ihr Geld hektisch umschichten.“ Denn für den normalen „Sparbuchsparer“ ändere sich durch die Neuregelung nur wenig oder gar nichts. „Aus steuerlicher Sicht gibt es also keinen Grund, in Panik zu geraten“, findet Selic. Sein Appell gilt gerade älteren Menschen, die seiner Meinung nach besonders schnell auf „gut gemeinte, aber unsinnige Ratschläge“ der Banken eingehen. „Dabei hat die Abgeltungssteuer vor allem für Rentner, die sie am meisten fürchten, am wenigsten Konsequenzen.“

Wer plant, sein Geld zukünftig auf Sparbüchern anzulegen, muss sich laut Aussagen von Steuerexperten dennoch einer Tatsache bewusst sein: Durch den extrem niedrigen Guthabenzins und aufgrund der finanzkrisenbedingten Inflation, wird die reale Wertentwicklung meist negativ sein. Und das trotz der oftmals reduzierten Besteuerung durch Abgeltungssteuer. „Andere Auswirkungen ergeben sich für das Sparbuch allerdings nicht“, bekräftigt Steuerberater Ralf Selic.

Doch wenn sich durch die Neuregelung tatsächlich so wenig ändert, wofür dann das Ganze? „Der Teufel sitzt im Detail“, sagt Selic, „im Bereich der Investmentfonds oder bei Veräußerungsgewinnen ergeben sich beispielsweise weitaus gravierendere Auswirkungen.“

Der Gesetzgeber argumentiert zudem, dass der einheitliche Steuersatz von 25 Prozent zu einer gleichmäßigeren und damit gerechteren Besteuerung von Kapitaleinkünften führen soll. Für Ralf Selic bleibt diese Begründung allerdings fragwürdig: „Die Abgeltungssteuer hat Vorteile für Leute mit ohnehin schon hohem Kapitalvermögen.“ So werden zum Beispiel Manager zu den wahren Gewinnern der im Januar 2009 in Kraft getretenen Neuregelung. „Die Kapitaleinkünfte von Top-Verdienern unterlagen bislang dem Höchststeuersatz. Zukünftig werden sie allerdings auch nur noch mit dem einheitlichen Steuersatz besteuert.“

Mit 25 Prozent liegt dieser weit unter dem derzeit geltenden Höchststeuersatz von 45 Prozent. Für die einen ohne nennenswerte Auswirkungen, für die anderen ein Segen. Für Steuerberater Ralf Selic persönlich ist die Abgeltungssteuer „nicht der große Wurf“. Nicht nur, dass diese Neuregelung für den Staat „viel Aufwand für wenig Mehrertrag“ bedeute. Er kritisiert vor allem, dass das ohnehin schon komplizierte Steuersystem für den Normalbürger zunehmend undurchschaubar werde. „Es darf nicht sein, dass ein Lehrer, Handwerker oder Rentner seine Steuererklärung nicht mehr eigenständig erstellen kann“, sagt Selic. So widersprüchlich das aus dem Mund eines Steuerberaters klingt, denn gerade für ihn bedeuten gesetzliche Neuregelungen wie die Abgeltungssteuer doch einen klaren beruflichen Vorteil.

Christiane Dase

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